Musik meines Lebens 1 bis 3

Musik meines Lebens - 1 bis 3

1. Du hast so wunderschöne blaue Augen
2. Das ist das schöne an Opapa

3. Unsere Heimat

Infoblock   Schlesien, Preise in der DDR, Werbelinsee, Pionierlied "Unsere Heimat", Zigeuner

1. „Du hast so wunderschöne blaue Augen“ – Heinz Woezel (1952)

Über meine Eltern in den 50er Jahren und meiner Geburt

Link zum Lied: https://www.youtube.com/watch?v=0UzkHG-RqPQ

Auf Familienfeiern mimte mein Vater gern den „Einarmigen Geiger“ und sorgte damit für eine ausgelassene Stimmung. Irgendwann, auf einer Geburtstagsfeier, verkleidete er sich und begann den Sänger nachzuäffen. Freunde und Verwandte waren von seiner Parodie so sehr begeistert, sodass sie auf allen nachfolgenden Feiern diesen Spaß von ihm forderten, besonders wenn der Alkoholpegel recht hoch war.
In der Regel sangen die meisten Gäste die Lieder mit, denn sie kannten jede Textzeile der Gassenhauer (Schlagerhits) auswendig.
Der einarmige Sänger gehörte zu einer Live-Combo, die auf Tanzveranstaltungen (Ball) in den 50er Jahren, die Schlagerhits jener Zeit nachspielten. Vor dem 2. Weltkrieg, war er ein bekannter Geigen-Virtuose, aber an der Front büßte er seinen linken Arm ein. Nun trat er als Sänger auf und mit der verbliebenen Hand imitierte er sein Geigenspiel. Mit seiner schrägen Haltung, einem überzogenen swingenden Auftritt und seinem näselnden Gesang war er unfreiwillig komisch. Mit seinem Singsang erheiterte er die Massen und ließ es zu seinem Markenzeichen werden. Er forcierte sogar das Ganze und machte sich zur Lachnummer, da es ihm eine große Popularität einbrachte.
Nun könnte man sagen, dass man sich nicht über Behinderungen lustig macht. Doch der  Humor jener Zeit besaß einen anderen Stellenwert als heute. Viele Menschen waren damals vom Krieg gezeichnet und es war besser sein Schicksal im positiven Sinne zu akzeptieren, als in Depressionen zu verharren. So gesehen machte sich mein Vater nicht über Behinderte lustig, sondern imitierte den Sänger lediglich.
Der Alltag in den 50er Jahren in Deutschland war noch mit vielen Entbehrungen verknüpft. Besonders in den ländlichen Gegenden lebte man in ärmlichen Verhältnissen und Sorgen und Nöte gab es viel. Um den Alltagsfrust zu kompensieren, sehnte man sich nach Abwechslung. Für ein paar Minuten schickten sie ihre Seele auf einen Kurzurlaub und gönnten sich ein befreiendes Glücksemfinden. Mit dem Frohsinn wurden graue Gedanken verdrängt und bei so manchen Schlager konnte man innerlich tief durchatmen und wohlig wach Träumen. Der Humor war ein wichtiges Ventil, um wieder Spaß am Leben zu haben. Somit war jede Art von Humor nie gehässig oder abwertend gemeint und man wurde auch nicht persönlich. Es spielte daher keine, wie der einarmige Geiger hieß, wichtig war die groteske Darbietung.
Die Menschen wollten nur für kurze Zeit ihre eigene leidvolle Geschichte hinter sich lassen. Auch meine Eltern waren gebrannte Kinder des Krieges und der Nachkriegszeit. Meine Mutter, Gerda Seliger, war Flüchtling und Vertriebene zugleich und sie kam mit ihrer Familie aus Schlesien. Erfolglos versuchten sie vor dem Krieg zu flüchten und nach ihrer Odyssee, kehrten sie auf ihr Gehöft zurück und wurden dort vertrieben, da ihre Heimat in Schlesien {1.} nun zu Polen gehörte. Sie landeten im Sammellager bei Frankfurt/Oder und sie wurden von dort vom sowjetischen Oberkommando verteilt. Die Familie Seliger und drei weitere Familien schickte man nach Friedrichswalde. Das Dorf war vom Krieg verschont geblieben und die Bauern lebten dort verhältnismäßig gut. Eine von vielen sowjetischen Verfügungen sah vor, dass Bauern mit großem Haus, Flüchtlingsfamilien aufzunehmen hatten. Dazu gehörte, dass die Bauern den Aussiedlern einen Wohnraum zur Verfügung stellen mussten und hatten sie zu verpflegen. Im Gegenzug sollten die Heimatlosen, der Bauernfamilie bei der Landwirtschaft, auf dem Hof und im Haushalt helfen.
Eigentlich hätte es selbstverständlich sein müssen, dass man jene Menschen unterstützt die alles verloren hatten und durch Flucht und Vertreibung so gelitten hatten. Die Bauern im Dorf betrachteten die Vertriebenen als unerwünschte Fremdkörper (Eindringlinge) und sie wurden als „Zigeunerpack“ {2.} gesehen. Die vier Flüchtlingsfamilien bekamen eine vorgefassten Meinung und eine unbelehrbare Ablehnung der Gemeinde zu spüren.
Jene Bauern, die Aussiedler aufnehmen mussten, entwickelten einen regelrechten Hass auf sie. Ständig nörgelten sie an ihnen herum. Mal waren die Kinder zu laut oder sie wurden beschimpft, keine gute Arbeit zu leisten. „Diese dreckigen Polaken, sind faul, schamlos und gesetzlos!“, bekamen sie zu hören. Ungern erzählten meine Tanten und meine Mutter von jener Zeit, weil jene Zeit bei ihnen tiefe Wunden hinterlassen hatte. Sie wollten wohl das Erlebte nur noch vergessen. Aber für sie war Friedrichswalde ein Horrordorf.
Sie erzählte davon, wie sich ihre Eltern im Dorf integrieren wollten, aber egal was sie taten, es war immer falsch. Vom Bauern wurden sie zudem wie Leibeigene behandelt und mussten rund um die Uhr schufteten und bekamen als Lohn, was mehr Lebensmittelreste waren.
Zu sechst hausten sie in einen großen Raum, der dadurch stinkig und unaufgeräumt war. Im großen Haus des Bauern gab es noch genug Räume, die die Situation entspannt hätten, aber er befürchtete wohl, dass die Familie Seliger dort wohnen bleiben könnte. Die Situation diente dem Bauern letztendlich als Beweis dafür, dass die Seligers unsauber sind und die Wohnung verdrecken lassen würden.
Im Dorf peitschte sich die Stimmung durch Lügengeschichten über die Aussiedler hoch. Es kam sogar vor, dass man vor ihnen verächtlich ausspuckte. Vermutlich hätten einige Bauern die Fremden gern mit Knüppeln aus dem Dorf gejagt, aber man fürchtete die sowjetische Kommandantur. Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich damals Geschichten über das sowjetische Militär, die nicht lange fackelten und widerspenstige Bauern standgerichtlich (sofort) hinrichteten. Es war daher besser, der Militärpolizei keinen Anlass zum Handeln zu geben. Angeblich urteilten sowjetische Offiziere mitunter sehr vorschnell und wenn man in deren Augen ein Nazi war, dann hing das Leben nur noch an einem seidenen Faden.
Aufgrund jener Gerüchte hielten sich die Bauern im Dorf zähneknirschend zurück und versuchten stattdessen die Fremden aus dem Dorf zu ekeln.  
Im Dorf gab allerdings auch Menschen, die Verständnis für die Vertriebenen zeigten und so manches Mal die gehässigen Bauern zurechtwiesen. Frau Kuckler, war so ein Mensch.
Sie hatte besonders meine Mutter in ihr Herz geschlossen und wurde für sie, wie eine gute Freundin, obwohl sie ihre Mutter hätte sein können. Bei ihr, in der Honiggasse, lernte sie auch Ida kennen, die für meine Mutter eine wirkliche Freundin wurde. Sie verbrachten oft ihre Freizeit miteinander und trafen sich am See mit aufgeschlossenen Jugendlichen, die sich nicht von ihren Eltern geistig vergiften ließen. Ida lernte dabei Johann Schweiger kennen und meine Mutter Gerhard Nimz. Mein späterer Vater gehörte zu den Aufgeschlossenen und er verliebte sich in meine Mutter. Nun war aber mein Vater bereits verlobt und er sollte ein Mädchen, von einer anderen Dorfsippe heiraten („Eine gute Partie“). Jene Verlobte kam nie mit zum See, denn für eine „anständige Frau“ schickten sich nicht solche Treffen. Die Verlobung war ohnehin von den Eltern arrangiert und eigentlich kannte er sie gar nicht. Aufgrund dessen löste er die Verlobung mit ihr. Das Problem war aber, dass mein Vater mit dem halben Dorf verwandt und meine Mutter eine Fremde war. Das ganze Dorf war deshalb empört darüber. Besonders die Mutter meines Vaters, wetterte lautstark umher und bezichtigte meine Mutter eine Hexe zu sein. Es wurde ihr unterstellt, dass sie mit Zigeunerzauber meinen Vater verführt und vom rechten Weg abgebracht hätte (Schlesien = Polen = Zigeuner).
Um den permanenten Anfeindungen zu entfliehen schlossen sich meine Eltern der Bauunion an. Die Bauunion war eine sozialistische Gemeinschaft von Bauarbeitern und Hilfskräften, die im Land umherzogen und Aufbauhilfe leisteten. Meine Eltern erzählten später stolz davon, dass sie unter anderem in Karl Marx Stadt (Chemnitz) ein Eisstadion mit gebaut hatten. Das Umherziehen von Ort zu Ort gefiel ihnen und sie vergaßen Friedrichswalde. Schließlich wurde meine Mutter schwanger und sie mussten beide wieder ins Dorf zurück. Die Familie meiner Mutter wohnte inzwischen in Joachimsthal und obwohl sich im Dorf die Wogen etwas gelegt hatten, fühlte sich meine Mutter immer noch geächtet. Wie gerne wäre sie ebenfalls nach Joachimsthal gezogen, aber es gab dort keinen freien Wohnraum mehr.
In Friedrichswalde bot ihnen der Steinmetzmeister Lucht zwei Zimmer mit Küche an. Er gehörte zu den toleranten Dorfbewohnern, denn er war selbst ein Auswärtiger, dessen Familie in den 20-iger Jahren hier ansässig wurde. Er bekam ebenfalls die Anfeindungen zu spüren, aber als Steinmetz saß er am längeren Hebel. Da die Frau des alten Steinmetzmeister bereits verstorben war, lebte er mit seinem Sohn allein in dem großen Haus und konnte deshalb meinen Eltern Wohnraum anbieten. Über Freunde und Verwandte wurde die Wohnung, mit einem Sammelsurium von gebrauchten Möbeln ein-gerichtet. Im kleinen Kreis heirateten meine Eltern, denn finanziell war eine größere Feier nicht möglich. Außerdem ging es darum den Schein zu wahren, um kein uneheliches Kind (Bastard) zu haben. Zu den wenigen Gästen gehörte ihre Freundin Ida, mit ihrem Mann, zu denen sich für immer eine feste Freundschaft entwickelte. Zum alten Herrn Lucht pflegten meine Eltern ebenfalls ein gutes Verhältnis, aber zu seinem Sohn sollten sich Spannungen entwickeln. Der junge Herr Lucht lernte Anneliese kennen und beide entwickelten Heiratspläne. Das führte dazu, dass nun der Wohnraum nicht ausreichte und die Braut von Herrn Lucht das ganze Haus beanspruchte.
Um die Wohnsituation zu verbessern, baute sich Lucht Senior eine Dachkammer aus, doch langfristig war damit die junge Frau Lucht nicht zufrieden. Es entwickelte sich daher ein angespanntes Verhältnis zu meinen Eltern und oftmals musste Opa Lucht ein Machtwort sprechen. „Der Wohnraum reicht für alle und die Familie Nimz bleibt!“
Neben dem Wohnraum war die Arbeitsuche ein Problem, zumal Oma Marie, die Mutter meines Vaters, die Leute gegen sie aufhetzte. Wegen der aufgeheizten Stimmung im Dorf kam ein Arbeiten in der Landwirtschaft nicht in Betracht. Mein Vater fand eine Anstellung im Britzer Eisenwerk, mit dem Nachteil, dass er eigentlich nur zum Schlafen heim kam. Inklusive Bahnfahrt war er 12 Stunden am Tag unterwegs.
Meine Mutter hätte alternativ in der Holzschuhfabrik {3} arbeiten können, zumal Freundin Ida dort arbeitete, aber die anderen Frauen wären ihr nicht freundlich gesinnt gewesen. Schließlich vermittelte ihr Frau Kuckler eine Arbeitsstelle, allerdings weit weg in Haselberg (bei Oderberg). Verwandte suchten dort eine Saisonarbeiterin für den Bauernhof.
Die Hinfahrt dorthin dauerte schon allein 2 Stunden, sodass es besser war, in der Woche dort zu bleiben. Sie erhielt beim Bauern in Haselberg ein Zimmer und kam erst zum Wochenende nach Friedrichswalde zurück. Die Arbeit auf dem Bauernhof war saisonbedingt, sodass mein Vater die Anstellung akzeptierte, zumal er selbst kaum zuhause war. Letztendlich war der Zuverdienst wichtig, für nötige Anschaffungen und ein bisschen mehr Wohlstand. Für mein Vater war in der Zeit gesorgt. Sein Mittagessen bekam er auf Arbeit und ansonsten hatte meine Mutter für die anderen Mahlzeiten vorgesorgt und genügend Brot und Wurst gekauft. Meinen Bruder, Reinhard, nahm meine Mutter nach Haselberg mit. Während sie auf dem Hof arbeitete, kümmerte sich die Oma der Bauerfamilie um das Kind. Meine Mutter erzählte mir oft von jener Zeit und Jahre später fuhren wir ab und zu die Bauern besuchen. Die Bauernfamilie in Haselberg war für sie eine zweite Familie.
Obwohl die Landarbeit mochte meine Mutter eigentlich nicht, aber es gab keine Alternativen. Schon als Kind musste sie auf ihren Gehöft in Schlesien von früh bis abends schuften. Sie musste als älteste Tochter, ihre Brüder ersetzen, die an der Front waren und dort starben. Gern hätte sie etwas ganz anderes getan. Nur was, das war die Frage? Sie konnte gerade Mal lesen, schreiben und bisschen rechnen. Der Krieg verhinderte eine bessere Bildung und somit auch eine Lehre. Mein Vater hatte ebenso keine Ausbildung, da man im Dorf der Meinung war, ein zukünftiger Bauer braucht keine Berufsausbildung. Auch im Britzer Eisenwerk genügte eine kurze Einweisung für die knochenharte Arbeit, bei stickiger Luft und penetranten Gestank nach Öl und Schmierfett. Meine Mutter erzählte oft davon, wie mein Vater völlig erschöpft von der Arbeit kam. Die Schmerzen, die er hatte waren das Geringste, schlimmer waren die Auswirkungen auf seine Gesundheit. Meine Mutter machte sich große Sorgen, besonders wenn mein Vater einen Hustenanfall bekam. Sie konnte nichts weiter tun, als ihn am Wochenende mit Essen zu verwöhnen und alles zu tun, damit er sich entspannen konnte. Aber beiden war klar, es musste sich was ändern.
Am 17. Februar 1957 kam ich auf die Welt. Mit mir verschärfte sich jedoch die Situation. Die Wohnung wurde zu eng und das Geld noch knapper. In meinen ersten Lebensjahren war ich dazu sehr kränklich und einmal soll ich dem Tod nahe gewesen sein. „Nur wenn er die Nacht übersteht, hat er eine Chance“, meinte der Arzt zu meiner Mutter. Ich erholte mich von der Krankheit, blieb aber ein Sorgenkind.
Die Saisonarbeit in Haselberg war nun nicht mehr möglich und zudem handelte sich meine Mutter eine Hautkrankheit (Ekzem) ein. Mein Vater litt weiter in der Knochenmühle Britzer Eisenwerk und suchte händeringend einen anderen Job. Zu Haus verstärkten sich die Spannungen zu Lucht Junior, getrieben durch seine Frau. Vater Lucht musste fortwährend schlichten oder seinen Sohn zur Ordnung rufen. Irgendwie zerrte alles an den Nerven und meine Eltern träumten von einen eigenen Heim. Nur wie sollte das gehen? Mein Vater war nun der einzige Verdiener und wir mussten daher mit wenig Geld auskommen. Zum Glück war die Lebenshaltung in der DDR niedrig und an Miete bezahlten wir nur 20 Mark. Lediglich Luxusartikel waren sehr teuer. {4}
Ein eigenes Haus war illusorisch und wir mussten mit der 2-Raumwohnung, mit Küche, zufrieden sein. Die Wohnungstür führte draußen an der Bodentreppe vorbei zur Veranda, wo sich auch der Zugang zur Wohnung Lucht befand. Die Wohnungen und der Vorbau lagen Hochparterre und eine Treppe führte hinunter zum Hof. Linker Hand, unter unserem Wohnzimmer lag unser Keller, wo Kartoffeln, Gemüse, Obst und Eingewecktes lagerten. In der Nähe befand sich dort ein kleiner Sandberg, für mich zum Spielen. Rechts von der Treppe führte ein breiter Weg zur Straße. Schräg gegenüber befand sich ein Schuppenkomplex, an dem sich die Steinmetz-Werkstatt und die Scheune anschloss. Ein Schuppen (Lagerstätte), stand uns zur Verfügung. Dort lagerten wir Holz und Kohlen, für die Kachelöfen und dem Kochherd. Dahinter schloss sich im Schuppenkomplex die Waschküche an, die meine Mutter, nach Absprache, mitbenutzen durfte. Ganz weit hinten befand sich für uns ein Außen-Klo. Vom Vorbau bis zum „Donnerbalken“ waren es etwa 150 Meter. Besonders im Winter war es eine Tortur zum Plumpsklo zu gehen. Es war nicht nur bitterkalt, sondern oftmals mussten wir uns den Weg dorthin vom Schnee freischaufeln. Ansonsten grienten einen im engen Häuschen von allen Seiten dicke, fette Spinnen an. Je nach Wetterlage stank es dort und es pfiff ein kräftiger Wind an unseren Hinterteil vorbei. Statt Toilettenpapier (zu teuer) benutzten wir Zeitungspapier und fühlten uns nicht immer sauber. Nachts gingen wir deshalb nur im Notfall zur Toilette. Den Urindrang erledigten wir in der Küche, wo ein Nachttopf stand, derfrühmorgens auf dem Misthaufen an der Scheune entleert wurde. Manchmal musste ich die stinkige Brühe dort ausgießen.
Übrigens waren dies die einzigen erlaubten Wege. Der Rest des Grundstückes war für uns Tabu. Auf den Hof standen nämlich diverse Steinplatten (Rohlinge) umher, die nicht stabil standen und somit für uns ein Sicherheitsrisiko waren. In der Nähe der Werkstatt standen einige fertige Grabsteine, als Anschauungsobjekte, die gesichert waren. Hinter dem Misthaufen schloss sich noch ein kleiner Garten an, mit etwas Gemüse, wie Zwiebel, Schoten und Kohlrabi, sowie Früchte und Blumen. Den meisten Platz nahmen die Erdbeerenbeete ein und vier Johannisbeersträucher verdeckten die Scheunenwand zum Nachbarn. Hinter dem Garten folgte eine große Liegewiese mit kleinen Obstbäumchen, was Früher mal ein Feld für Kartoffeln und Getreide war. Lediglich zu Ostern wurde uns erlaubt auf der Wiese die versteckten Eier und Süßigkeiten zu suchen.Anfang der 60er Jahre kam ein entscheidender Wendepunkt für meinen Vater. Der Malermeister Maxin, aus Joachimsthal, suchte einen Hucker {5} und warb meinen Vater an. Der sagte dankend zu und ziemlich schnell war er nicht nur Zuarbeiter, sondern nahm sich das Malerhandwerk an. Der Meister hatte schließlich so viel Vertrauen in seine Arbeit und ließ ihn hauptamtlich als Maler arbeiteten. Das war anfangs in der DDR kein Problem. Wenn ein Meister, einem Mitarbeiter, die fachliche Kompetenz bescheinigte, so reichte das.  Anfang der 70er Jahre wurde ein Facharbeiterzeugnis zur Pflicht, da jene Bescheinigungen oft nicht den fachlichen Defiziten gerecht wurden. Es war also nötig, jeden beruflich zu prüfen. Dazu musste mein Vater eine theoretische und praktische Prüfung bestehen. Nach seiner Aussagen, bezog sich die praktische Prüfung auf ein allgemeines Wissen zum Beruf. Ich erinnere mich aber, wie mein Vater jeden Abend die entsprechenden Lehrbücher gewälzt hatte und so manches Mal vor sich hin geflucht hat. Die praktische Prüfung bestand darin, dass er einen von ihm gemalerten Raum vorzeigen musste. Letztendlich hatte er seine Prüfungen bestanden und war nun offiziell (Beruf) Maler, mit dem Status Geselle.Noch als angelernter Maler lebte er regelrecht auf, zumal das Malerteam der PGH {6} sehr freundschaftlich miteinander umging. Mit der Arbeit verbunden, war es zwingend notwendig mobil zu sein und er schaffte sich ein Moped (SR2) an. {7} Zuhause verschärften sich allerdings die Streitereien, meistens um Nichtigkeiten. Mal wurde die Haustür zu laut zugeschlagen oder wir Kinder waren zu laut oder wir hätten mit dreckigen Füssen die Veranda dreckig gemacht. Das führte oft zu heftigen Wortgefechten zwischen meiner Mutter und Frau Lucht.
Eigentlich war meine Mutter früher eher zurückhaltend und schüchtern, aber das Leben hier im Dorf wurde ihr Lehrmeister. Was sie allerdings noch nie ertragen konnte, war alles, was in ihren Augen ungerecht war oder sich benachteiligt fühlte. Schon wegen den Anfeindungen in der Vergangenheit, wuchs ihr Selbstbewusstsein und trat für ihre Rechtsauffassung ein. Anneliese wurde ungewollt zu ihrem Sparringspartner und übte schon mal für’s Dorf. Meine Mutter hatte noch mit einigen Leuten ein „Hühnchen zu rupfen“(nachträgliche Rache).So hatte sie beim Bäcker Breis mitbekommen, dass vorne im Laden, die etwas verunglückten Brote zum Kauf angeboten wurden. Für die besonderen Kunden ging die Bäckersfrau in den Nebenraum und packte ein besseres Brot in die Einkaufstasche. Meine Mutter wollte dann auch ein makelloses Brot haben.
„Aber das Brot war vorbestellt“, erklärte die Verkäuferin schnippisch.
„Ach ja! Dann möchte ich für morgen auch eins vorbestellen“, entgegnete sie der Ausrede.
„Das geht leider nicht! Wir können nur begrenzt Wünsch aufnehmen und für Morgen ist alles schon ausgebucht. Außerdem sind noch genügend Brote hier vorne!“
„Ich möchte aber gern eins vom Nebenraum. Wie ich gesehen habe, sind da noch genug.“
„Da ist nichts!!!“, echauffierte sich Frau Reis und forderte meine Mutter zum Gehen auf.
„Das möchte‘ ich sehen“, wurde meine Mutter lauter. Inzwischen näherten sich weitere Kunden der Bäckerei, die nichts von diesem Streit mitbekommen sollten. Schnell ging sie in den Nebenraum und holte ihr ein schöneres Brot. Als die erste Kundin hereintrat, lächelte die Bäckersfrau meine Mutter an, „Darf es sonst noch was sein Frau Nimz?“ und konnte ein wütendes Beben nur schwer unterdrücken. Irritiert vom plötzlichen Wandel der Bäckersfrau, sagte meine Mutter „Danke“ und ging fragend mit einem Kopfschütteln aus den Laden.
In der Folgezeit versuchte die Verkäuferin meine Mutter schnell abzufertigen und vermied jeden Streit mit ihr. Die Bäckersfrau redete nur das Notwendigste mit meiner Mutter und ihre Worte glichen einen Eissturm, mit stechenden Augen, die sich hinter einer Maske tarnten.
Auch in der Dorffleischerei ging meine Mutter auf die Barrikaden, nachdem die Kundin vor ihr ein vorbereitete Fleisch- und Wurstpakete erhielt und relativ viel Geld bezahlte. Meine Mutter schlussfolgerte, dass die Kundin Rinderrouladen bekam, die für Normalkunden selten bis nie im Angebot waren und mit Kasseler unter dem Ladentisch gehandelt wurden. „Ich möchte Bitte vier Rouladen“, pokerte meine Mutter. Verdutzt schaute sie die Verkäuferin an und glaubte eine Außerirdische stände vor ihr und war einem künstlichen Lachanfall nahe.
„Ich möchte vier Rouladen, wie die Frau vor mir“, wiederholte meine Mutter resolut. Auch die Metzgersfrau flüchtete sich in Ausreden, dass es bestellte Ware war und sich außerdem um Wurst handelte. Beschwichtigend bot Frau Flay meiner Mutter ein makelloses Stück Schweinefleisch und magere Koteletts an, was damals auch schon besonders war.
„Ziemlich teure Wurst, in so einem kleinen Paket“, konterte meine Mutter bissig und setzte fort, „Ich frage mich, ob die Behörden, einen solchen Preis in Ordnung finden?“ 
Das Gesicht der Fleischers Frau erstarrte und überlegte, wie sie auf jene Drohung reagieren sollte. Meine Mutter zwar keine Ahnung von Recht und Gesetz, aber ihr Auftreten hatte die Metzgersfrau stark verunsichert. Ein illegaler Handel, unter dem Ladentisch, war verboten und eine amtliche Kontrolle hätte unangenehme Folgen für die Metzgerei haben können. 
„Ach, mir fällt gerade ein, dass jemand seine Bestellung zurückgezogen hat!“ Daraufhin ging sie in einen Nebenraum und kam mit eingepackten Rouladen wieder. Zähneknirschend gab Frau Flay meiner Mutter das Fleisch. In der Folgezeit erledigte sich das Problem mit der Metzgerei sowieso, weil mein Vater für sie die Räume renovierte. Durch jene illegale Schwarzarbeit gehörte unsere Familie zu den Privilegierten im Ort und wurden bei Fleisch- und Wurstwaren bevorzugt.
Natürlich beklagten sich die Bäckerin und die Metzgerin bei ihren Stammkundinnen über meine Mutter. Und wie ein Lauffeuer wurde meine Mutter, überzogen als streitlustig dargestellt. Getrieben von Oma Marie, flammte das böse Gerede über meine Mutter wieder auf. Keiner wagte es, sich mit ihr anzulegen. Selbst in der Bürgermeisterei geriet man in Panik, wenn meine Mutter im Anmarsch war. Sie kam zwar selten, aber wenn mit einem triftigen Grund und sie ging nicht eher bis eine zufriedenstellende Lösung gefunden wurde. 
F
reunde machte sie auf finanzielle Sozialzulagen aufmerksam und forderte sie, zumal wir mit dem Existenzminimum auskommen mussten. Vorrangig drehte es sich jedoch, um einen angemessenen Wohnraum. Immer wenn jemand verstarb oder in einen anderen Ort zog, stand meine Mutter in der Amtsstube und forderte die Wohnung. Leider konnte sie sich da nicht durchsetzen. Da fast alle Häuser im Ort im Privatbesitz waren, gab es rechtlich nur wenig Möglichkeiten gesetzlich jemanden zur Freigabe von Mietwohnungen zu zwingen. In der Regel, übernahmen die rechtmäßigen Verwandten die freigewordenen Wohnungen, sodass bestenfalls nur Einraumwohnungen übrig blieben. In diesem Fall blieb jedes Engagement meiner Mutter erfolglos und Dispute im Amt kosteten nur Zeit und Nerven.
Im Gegensatz zu meiner Mutter hielt sich mein Vater meistens aus allem heraus. Er mochte keine Konflikte und war zudem mit dem halben Dorf verwandt. Im Grunde wollte er seine Ruhe haben und wenn wieder mal eine Situation eskalierte versuchte er zu schlichten. Dazu kam, dass er nicht immer die Erregung meiner Mutter nachvollziehen konnte und ihr so manches Mal sagte, dass sie sich nicht so haben sollte. Das Ganze mündete meistens in einen Streit und manchmal sprachen sie mehrere Tage nicht mehr miteinander. Bei jener Funkstille herrschte ein gespanntes Klima (Dicke Luft), wo wir aufpassen mussten was wir sagten und taten. Sehr schnell konnten wir zu ihrem Ventil werden und froh darüber sein, wenn wir nur angemeckert wurden. Zum Glück gab es solche Spannungen nicht oft. Obwohl meine Mutter standhaft ihre Meinung vertrat, war sie auch kompromissbereit. Mein Vater dagegen weniger. Er konnte tagelang schmollen und erwartete von meiner Mutter den Ersten Schritt. Ganz wichtig war meinem Vater die Gerüchteküche im Dorf und versuchte die Anfeindungen gegen meine Mutter zu entschärfen. Er selbst verstand sich mit den meisten Dorfbewohnern gut, zumal er als Maler immer gebraucht wurde. Schon deswegen wagte mannicht schlecht über ihn zu reden. Auch zu seiner Mutter und seinen Schwestern hatte mein Vater Kontakt. Doch sofern Oma Marie gegen meine Mutter hetzte, brach er das Gespräch ab und ging. Dann war auch zwischen ihnen tagelang Funkstille.
Mein Bruder und ich bekamen von den ganzen Zirkus im Dorf nicht viel mit, aber wir spürten schon, wenn etwas nicht stimmte. Dass meine Mutter bei vielen Dorfbewohnern nicht beliebt war, merkten wir an der kaltherzigen Haltung einiger Leute uns gegenüber. Glücklicherweise gab es andere Menschen, die sich nicht vom Gerede anstecken ließen und auch meiner Mutter freundlich gesinnt waren. So kann ich auf eine glückliche Kindheit zurück blicken und mich im Gemeindeleben geborgen fühlen.

2. „Das ist das Schöne an Opapa“ – Nina Lizell (1970)

Kindheit und meine Beziehungen zur Verwandschaft, speziell Oma und Opa

Link zum Lied: https://www.youtube.com/watch?v=Zbs_Imv_SSM

Eine richtige Erholung für uns war es, wenn wir meine Großeltern in Joachimsthal besuchten. Mein Opa Gustav war ein Mensch der leisen Töne und dennoch fielen seine Worte schwer ins Gewicht. Er schaffte es auf Familienfeiern für eine entspannte Atmosphäre zu sorgen und gab es mal Streit in der Familie, so schlichtete er ihn erfolgreich.
Von Beruf war er Stellmacher und reparierte früher landwirtschaftliche Pferdefuhrwerke. Nun aber war er bei der MTS {8} als Verwalter angestellt. Über den Verleihbetrieb bekam er eine Dienstwohnung und bestand aus einer geräumigen Haushälfte, mit großem Hof und noch größeren Garten. In unmittelbarer Nähe des Hauses befand sich der Grimnitzsee. In unmittelbarer Nähe führte ein Schotterweg zum beliebten wilden Badestrand, wegen dem „Funkhaus“, einer beliebten Barackengaststätte. Während die Kinder, im Sommer im Wasser planschten, tranken die Väter derweilen im „Funkhaus“, gern ein Bier. Auch wir Kinder wurden nach dem Baden oft von unseren Eltern mit einer Limonade verwöhnt. Für den kleinen Hunger war dort immer eine Bockwurst mit Senf und Brötchen oder Kartoffelsalat im Angebot. Als kleiner Snack war auch der „Armer Ritter“ beliebt, das war eine getoastete Mischbrotscheibe mit zwei gewürzten Spiegeleiern und einer Gewürzgurke als Beilage.
Im Gegensatz zum Krummen See in Friedrichswalde, war der Grimnitzsee sehr flach. Man musste ziemlich weit ins Wasser hineinlaufen, um überhaupt bis zum Bauchnabel im Wasser zu stehen. Es machte dennoch Spaß sich im Wasser zu tummeln und mit dem Ball zu spielen. Doch eigentlich reichte uns das große Grundstück meines Opas aus und vor allem auf der Wiese fühlten wir uns so unendlich frei. Opa liebte seine Enkel und demzufolge gab es kaum Grenzen für uns und er wurde nur ganz selten ärgerlich. Wobei so manche Verärgerung auch gespielt war. So klopfte einmal mein Bruder zahlreiche Nägel in den Holzklotz. Das fand mein Opa nicht komisch und schimpfte, „Was hast du dir denn dabei gedacht!“
„Wenn ich nun Holzhaken will“, erklärte er, „dann wird doch die Axt ganz stumpf.“
Leider hörte dass meine Mutter, wie Opa meinen Bruder im lauten Ton zurechtwies. Bevor mein Opa reagieren konnte, bekam mein Bruder eine kräftige Ohrfeige. Opa stoppte meine Mutter, denn eigentlich wollte er ihn nur eindrucksvoll ermahnen. Als Strafe musste mein Bruder alle Nägel mit der Zange wieder herausziehen. Das war eine sehr lange und schweißtreibende Arbeit und wurde für Reini (Reinhard) eine wirkliche Strafe.
Da ich weder in den Kindergarten und noch nicht zur Schule ging, fuhr ich sehr oft mit meiner Mutter nach Joachimsthal. Meine Oma Emma war schon gebrechlich und brauchte Hilfe im Haushalt. Da die Schwestern Inge und Ilse in Joachimsthal berufstätig waren, hatten sie kaum Zeit für Oma und Opa und Tante Friedel wohnte zu weit weg, in Finow. Für meine Mutter war es somit selbstverständlich den Großeltern zu helfen. Soweit ich mich an Oma erinnere, versuchte sie immer nett zu sein, aber sie sprach so schrecklich leise und manchmal ergaben ihre Worte keinen Sinn. Dass sie die Namen etwas durcheinander brachte störte mich wenig, ich hörte auch auf Reini und Uwe. Irritiert war ich nur, wenn sie mich Birgit nannte oder fragte, wer ich denn sei.
Birgit, ist die älteste Tochter von Tante Ilse, die mit Oma und Opa hervorragend umgehen konnte. Wegen der beengten Wohnsituation zuhause, entschloss sie sich, bei den Großeltern einzuziehen und wollte deren Versorgung übernehmen. Das klappte schließlich so gut, sodass wir uns nicht mehr um die Oma und Opa zu kümmern brauchten. 
Das Haus der Großeltern blieb aber ein beliebter Feierort für die Familie. Zumindest auf dem Hof gab es reichlich Platz für ausgelassene Feste und meistens spielte auch das Wetter mit.  Im Haus war dagegen wenig Platz, sodass Feiern im Haus schon etwas stressig waren. Es gab aber keine anderen Alternativen für Familienfeste. So wie wir, lebten die Schwestern meiner Mutter ebenso in sehr beengten Verhältnissen. Obwohl Tante Ilse zwar eine 3-Raumwohnung hatte, so lebten dort sieben Personen, wobei Birgit nun bei den Großeltern wohnte. Erst später entspannten sich die Wohnverhältnisse für alle, doch bis dahin, war das Haus der Großeltern, im Sommer der zentrale Treffpunkt.
Zur größten Feier wurde das Wiedersehen mit der bisher verschollenen Schwester meiner Mutter. Durch die Kriegswirren wurden sie damals von der Familie getrennt und lebte nun in der BRD. Schwester Elsbeth, war verheiratet und wohnte in Elmshorn, bei Hamburg. Sie war es auch, die im Westen nachforschen konnte und herausfand, wo die Familie jetzt lebte. In der DDR waren solche Nachforschungen kaum möglich, wegen behördlichem Desinteresse. Neben dem großen Wiedersehensfest, besuchte Elsbeth noch separat jede Schwestern und so kam auch nach Friedrichswalde. Ihr Mann Willy war überrascht davon, wie gut wir in der DDR lebten. Natürlich war der Lebensstandard mit dem in der BRD nicht vergleichbar, aber laut den Medien glaubte er, dass die DDR-Bevölkerung am Hungertuch nagen würde. Abschließend lud er uns nach Elmshorn ein.
Wir fuhren 1961, kurz vor dem Mauerbau (Grenzanlage), in den Westen. Leider ist in meiner Gedächtnis kaum etwas haften geblieben. Ich kann mich lediglich an einen pechschwarzen Hund erinnern, der mir auf einer Wiese gegenüberstand, umringt von vielen Gänseblümchen. Bis zum heutigen Tag taucht der Hund in meinen Träumen auf und immer ist damit die bange Frage verbunden, ob er mir Böses tun wollte oder nicht? Als ich meine Eltern später danach fragte, konnten sie sich weder an einen Hund, noch an jene Wiese erinnern. Der kleine Kläffer, blieb die einzige Erinnerung an Elmshorn. Ich war aber auf jeden Fall dort gewesen, was Fotos beweisen. Auf einem Bild war ich mit Jens Peter, dem Sohn von Tante Elsbeth zu sehen. Ich stand dort ungezwungen neben Jens Peter und blickte schräg grinsend nach oben, denn er etwa dreimal so groß war wie ich. Das Foto sah somit etwas skurril aus. Beim Betrachten der Fotos, erzählten mir meine Eltern später, dass sie überlegt hatten, dort zu bleiben. Elsbeth und Willy verfügten über Beziehungen, sodass meine Eltern dort sofort Arbeit gefunden hätten und somit der Traum von einem eigenen Haus möglich gewesen wäre. Mein Vater wollte aber zurück, er brauchte noch Bedenkzeit, aber eigentlich wollte er seine Heimat nicht verlassen. Nach wenigen Tagen hatte sich das Thema sowieso erledigt, da die DDR die Grenze zur BRD überraschend dicht machte. Eine Reise in den Westen (BRD) war nicht mehr möglich. Mit dem Mauerbau 1961 wurde auch Tante Elsbeth vorerst nicht mehr in die DDR gelassen. Es blieb uns nur der Postverkehr. Die DDR-Regierung wollte mit der Grenze vor allem verhindern, dass keine Fachleute mehr in den Westen abwanderten und der Ost-West-Verkehr kontrollierbarer wurde. Der erhoffte wirtschaftliche Aufschwung funktionierte jedoch nicht, wie erhofft. Obwohl in der DDR der Wohlstand stieg, so war das nichts im Vergleich zur Bundesrepublik, wo man schon von Luxus reden konnte.  
Die Westmedien propagierten die Märchen von den armen, notleidenden „Schwestern und Brüder“ im Osten. Sie forderten ihre Bevölkerung auf, Päckchen in den Osten zu schicken. Natürlich war es Ehrensache für die Westverwandten ihren Angehörigen im Osten kleine Päckchen zu senden. Politisch war jene Medienoffensive zielgerichtet durchdacht und sollte den DDR-Bürger gegen seine Regierung aufhetzen. Tatsächlich war es schon so, als würde man ein Päckchen aus dem Paradies erhalten, mit Produkten, die man aus der Werbung des BRD Fernsehens kannte. Und es drängte sich automatisch die Frage auf, warum die BRD-Bürger deutlich besser und vor allem freier lebten als wir. Vielleicht lag es daran, dass wir hierzulande, zu stark bevormundet wurden, viele begehrte Waren zu Mangelwaren wurden und nur ein bescheidener Luxus möglich war. Den Aufwärtstrend registrierte somit kaum jemand. Die Maßnahmen zur sozialen Sicherheit fielen dabei kaum ins Gewicht und Gesetze zur gesellschaftlichen Stabilität wurden an Stammtischen in der Kneipe stark kritisiert. Obdachlose und Bettler, sowie ein asoziales Verhalten wurde vom Staat nicht geduldet und konnte im schlimmsten Fall, mit der Einlieferung in eine Psychiatrie verbunden sein.
Dennoch gab es Menschen, die sich der Gesellschaft verweigerten und meistens betrunken in finsteren Ecken hausten. Jene verwahrlosten Leute wurden von westlichen Reportern gefunden und wurden als Beleg für das Elend in der DDR benutzt. Die Westmedien entfachten eine große Mitleidswelle, wodurch zahlreiche „Westpakete“, den DDR-Bürger erreichten. Obwohl die DDR, wegen der ideologischen Wirkung, gern verhindert hätte, sahen sie sich doch dazu gezwungen die Päckchen zuzulassen. Auch Tante Elsbeth schickten ihren Verwandten im Osten jene Päckchen. Meine Mutter freute sich besonders über den Kaffee, der einfach besser schmeckte als der gestreckte DDR-Kaffee und für uns Kinder waren oft Süßigkeiten dabei. Allerdings, schmeckte mir die West-Schokolade nicht. Unsere Ostschokolade war nicht so süß und schmeckt nicht so seicht.
Manchmal waren meiner Mutter die „Westpakete“ peinlich, denn schließlich mussten die Produkte von Tante Elsbeth gekauft werden und waren sicherlich eine finanzielle Belastung. Tatsächlich ließ uns Tante Elsbeth in dem Glauben, dass es für sie eine Ehrensache war, die Päckchen für die ganze Verwandtschaft zu finanzieren. Später erfuhren wir, dass sie jene Päckchen steuerlich absetzen konnten und sich somit die Kosten in Grenzen hielten. Hätten wir das damals gewusst, hätten wir konkrete Wünsche gehabt, wie Lewis-Jeans oder Musikkassetten. So aber waren wir mit dem zufrieden, was sie uns schickte.
In einem Weihnachtspaket befand sich dann für mich ein Matchboxauto {9} und löste bei mir am Heiligen Abend eine unbändige Freude aus. Es war für mich das schönste Geschenk seit Jahren und ich behandelte das Matchboxauto, wie ein Heiligtum. Bisher freute ich mich zu Weihnachten nur über den Süßigkeitsteller, denn die weiteren Geschenke unter dem Tannenbaum, waren meistens praktischer Natur, wie Strümpfe, Pullover oder Malstifte. Neben den Geschenken, war ich gefangen von der festlichen Stimmung, wie den leuchtenden Kerzen am Baum und wie wir gemeinsam die getragenen Weihnachtslieder sangen. Zudem machte das viele Essen, Weihnachten zu einem Höhepunkt im Jahr. Wenn dann noch draußen Schnee lag, war das Fest perfekt.
Ähnlich wie Weihnachten, waren die Feiern bei Oma und Opa. Ab 1961 ohne Tante Elsbeth und auch für Tante Friedel war oftmals der Weg zu weit. Sie benötigte für eine Tour fast zwei Stunden. Sie musste zunächst mit den Bus zum Bahnhof Eberswalde fahren und dort auf den Zug nach Joachimsthal warten. In Joachimsthal stand ihr noch ein Fußmarsch von einer halben Stunde bevor. Mein Opa wohnte malerisch gelegen, aber eben am Ende der Ortschaft. Vor dem Haus war eine wenig befahrene Straße und ein hügliges Waldgebiet, mit einem kleinen idyllischen Waldsee mittendrin, dessen Gelände oft für Volksfeste genutzt wurde. Nach Osten hin, standen noch ein paar Häuser, mit besagten Weg zur Funkhaus-Gaststätte. Nordwärts entstand ein Bungalowdorf für Urlauber, wo bisher nur Schafe weideten.
Bei den Familienfeiern freute ich mich am meisten auf meine Cousins und Cousinen, denn wir verstanden uns hervorragend. Besonders Uwe wurde zu einem richtigen Freund. Mein Bruder genoss es der Älteste zu sein und spielte sich manchmal als Boss auf. Allerdings hatte er immer wieder Ideen, die unsere Mutter auf die Palme brachte. Meistens dreckten wir uns wegen ihm ein oder machten uns am Brunnen pitschnass. Also nichts weltbewegendes, aber damals die Sonntagskleidung schmutzig zu machen, war schon ein mittleres Verbrechen. Mein Bruder Reini kam häufig schmutzig nach Hause oder es gab klagen der Dorfbewohner über ihn. Er und seine Klicke (Freunde) machten so manchen Unfug. Nicht selten bekam er von Muttern dafür eine Ohrfeige. Trieb er es zu arg, drohte ihm im dunklen Keller eingesperrt zu werden. Das war der Fall, als sie Steine in ein Karpfenteich warfen und einige Fische tödlich trafen. Auch dass sie einmal Hühner jagten, bis diese ohnmächtig zu Boden fielen, erregte die Gemüter im Dorf und meine Mutter war gezwungen drakonisch durchzugreifen. Trotz seiner Rüpelhaftigkeit war er Papas Liebling, da er sich für handwerkliche Dinge und Mopeds interessierte. Ich hingegen war der Brave und Mamas Liebling. Meine Ohrfeigen könnte ich deshalb an einer Hand abzählen. Für mich war es selbstverständlich im Haushalt zu helfen. Das Geschirr abwaschen wurde fast zu einer festen Aufgabe. Da ich nicht in den Kindergarten ging, beschäftigte ich mich mit anderen Dinge. Aus dem Sandhaufen auf den Hof baute ich eine Sandburg und spielte Ritter. Kleine Stöckchen dienten mir dabei als Ritterfiguren und ich ließ ansonsten meiner Fantasie freien Lauf. 
Abends hörte ich begeistert Radio. Die meisten Schlager konnte ich nach kurzer Zeit nachsingen. Mama lobte meine Stimme und freute sich, wenn ich die Lieder nachsang. Mein Vater war weniger begeistert, denn für ihn musste ein Junge umherbasteln oder sich wenigstens für Fahrzeuge interessieren. Das tat ich aber nicht. Wie damals üblich hielt sich ansonsten mein Vater aus der Kindererziehung heraus. Väter sollten damals lediglich ihren Kindern die Welt erklären, waren Lehrer und Allwissende. Zumindest taten sie so. Für die Strafen und die Erziehung waren die Mütter zuständig.
Nur einmal, habe ich meinen Vater extrem zornig erlebt und er schlug meinen Bruder windelweich (kräftige Schläge aufs Hinterteil). Reini brüllte wie am Spieß und konnte mehrere Tage nicht richtig sitzen. Mein Bruder soll eine Feldscheune in Brand gesteckt haben. Ein drohendes Strafverfahren wäre für uns der finanzieller Ruin gewesen.

Zum Glück kam es zu keinem Verfahren, da mehrere Jungs daran beteiligt waren und kein Täter verantwortlich gemacht werden konnte. Der Brand wurde als Unglücksfall gewertet, zumal die Scheune für die LPG {10} sowieso bedeutungslos war. Ich hatte großes Mitleid mit meinen Bruder, aber auch großen Respekt vor meinen Vater, mit dem ich mich niemals anlegen wollte. Dabei war er anders, als andere Väter. Er war weder streng, noch belehrend. Manchmal nahm er sich sogar Zeit für uns. Sehr gern spielten wir am Wochenende alle zusammen, das Brettspiel „Mensch ärgere dich nicht“. Im Winter fuhr er mit uns Schlitten und ging im Sommer mit zum Baden. Manchmal versuchte er auch witzig zu sein, doch dass fand meine Mutter nicht komisch. Ihr Mann sollte kein Clown sein. Da ich immer der Brave war, gefiel es meinen Bruder mich gerne zu necken. Sicherlich steckte ein wenig Eifersucht dahinter. Ich schaffte es kaum bestraft zu werden und ließ auch zu sehr den Guten raushängen. Das wirkte vielleicht manchmal überheblich.
Er legte es auf Rangeleien an, natürlich war ich ihm unterlegen. Obwohl ich einen Streit mit ihm vermied, reizte er mich erfolgreich. Er genoss den Triumph mich in eine ausweglose Lage zu bringen (z. B.: Schwitzkasten{11}). Mir war sein Erfolg egal, denn eigentlich wollte ich einfach meine Ruhe haben. Die Angriffe von ihm nahmen mit der Zeit ab, es machte ihm wohl keinen Spaß, weil ich mich nicht wehrte. Manchmal fragte ich mich, ob es nur ein übliches Gerangel unter Brüdern war oder ob er mich wirklich nicht leiden konnte. Wie dem auch sei, mein Bruder war vier Jahre älter. Jeder von uns hatte demzufolge auch andere Interessen. Obwohl wir kaum etwas gemeinsam machten, verstanden wir uns mit der Zeit immer besser. Vielleicht war es der Abstand und er schätzte es ganz besonders, dass ich ihn nie verpetzte, wenngleich ich einiges von ihm wusste. Im Laufe der Jahre verdoppelte sich gefühlt der Altersunterschied, da jeder seinen eigenen Weg ging. Irgendwie fand im Laufe der Zeit eine Verkehrung statt, er wurde der Folgsame und ich der Rebell. Aufgrund der unterschiedlichen Weltsicht verstärkten sich zwischen uns verbale Reibereien und mündeten so manches Mal in heftige Streitereien.
Erst mit zunehmenden Alter näherten wir uns wieder an. Altersjahre wurden bedeutungslos und mit der betagten Sicht auf das Leben, entdeckten wir, dass wir gar nicht so unterschiedlich dachten. Zum Glück führten unsere Differenzen, nie zur Feindschaft, aber es sollte sich noch bis zum Ende der 80er Jahren hinziehen, bis die Familienbande zu einem harmonischen Miteinander führten. Auf den Familienfeiern meiner Eltern wurden letzte Missverständnisse geklärt. Inzwischen pflegen unsere beider Familien einen fast freundschaftlichen Umgang miteinander.
 

 3. „Unsere Heimat“   – Kinderlied in der DDR {12}

Link zum Lied: https://www.youtube.com/watch?v=sWPl94rpKrI

„Unsere Heimat, das sind nicht nur die Dörfer und Städte“, ein Lied das mich begeisterte und mich heute an meine Heimat erinnert. Friedrichswalde liegt etwas erhöht, malerisch am nördlichen Rand der Schorfheide {13}Das Dorf zieht sich etwa 3 km lang, nördlich in Richtung Templin.
Kleine Abzweigungen führen zu weiteren Gassen mit wenigen Häusern und beinahe zentral gelegen steht die Dorfkirche. Direkt an der Kirche führt die Dorfstraße als Hauptstraße vorbei. Überhaupt ist das Kirchengelände zentral von weiteren Wegen umgeben. So führen eine Kopfsteinpflaster-Straße bergauf zum Bahnhof und ein Schotterweg südlich steil bergab zum „Krummen See“. Das verträumte Dorf hinkte der Zeit hinterher, davon zeugen die vielen Fachwerkhäusern, auch wenn einige Häuser modern verputz bzw. verkleidet wurden. Bis in die 60er Jahre hinein, gab es nur wenige Backsteingebäude, wie die Bürgermeisterei und die Postgaststätte.
An den Wohnhäusern vorbei führte ein Naturbürgersteig und bei hügligen Gelände wurden die Wege mit kleineren Kopfsteinen befestigt. Die Wege waren demzufolge unebenen und mit vielen Schlaglöchern versehen und deshalb mit einer hohen Sturzgefahr verbunden. Zwischen Gehweg und der Straße war eine breite Grünfläche, auf denen mächtige Bäume (Eichen, Erle, Kastanien u. ä.) standen. Lange Zeit bestand die Straße aus holprigen Flachkopfsteinpflaster und für spärlichen Licht sorgten alte Straßenlaternen. Sich ohne Taschenlampe in der Dunkelheit durchs Dorf zu bewegen, erhöhte das Risiko sich zu verletzen. Um das Dorf herum erstreckten sich weite Felder, die wiederum vom Wald der Schorfheide umgeben waren. Der Krumme See zieht sich 1,5 km wie ein Schlauch nach Osten und ist stellenweise recht schmal (100m), aber die tiefste Stelle soll bei 78 m liegen.
Es schließt sich ostwärts noch der größere Präßnick See an, der schon damals als ein Natur-reservat galt und für die Öffentlichkeit gesperrt war. An der offiziellen Badestelle, am Krummen See, kann man am besten die hüglige Landschaft des Ortes bewundern. Neben den Feldern, die im Nordosten zum See abfielen, begrenzte südwärts ein recht steiler Hügel das Gewässer und die großen Gärten der Wohnhäuser führten westwärts mit unterschiedliche Gefälle zum Wasser hinab. Wer im See baden wollte, sollte Schwimmer sein, den schon nach zwei drei Metern konnte man nicht mehr im Wasser stehen. Für Nichtschwimmer war jedoch eine begrenzte Zone eingerichtet (10 m im Quadrat). Insgesamt wird der See im Sommer, aufgrund seiner Tiefe, sehr langsam warm, dafür bleibt er lange gut temperiert und auch sauber. 
In den Wäldern südlich von Friedrichswalde, finden sich reichlich die beliebten Blaubeeren und Pfefferlinge. Einziges Problem sind die vielen Mücken und die Wildschweine, auf die man stoßen kann und die nicht ungefährlich sind. 
1748 wurden in Friedrichswalde 30 vertriebenen Familien aus der Kurpfalz und Rheinhessen angesiedelt. Der Preußenkönig Friedrich II. gab ihnen das Land und gewährte ihnen einige Privilegien. Über jene Sonderstellung waren die Bauern in der Nachbarschaft verärgert. Die Neusiedler waren handwerklich begabt und vor allem Holzschuhe wurden zum Renner. 1889 erhielt Friedrichswalde eine Bahnverbindung, wodurch der Wohlstand im Ort wuchs, aber die Anfeindungen ringsherum zunahmen. Es entstand eine Fabrik, die Holzschuhe in einem Stück anfertigte. Später in der DDR stellte die Fabrik lange Zeit noch modernere Holzschuhe her, bis die Fabrik als Zulieferer von Maschinenteilen umgestellt wurde. Trotzdem die Fabrik nun VEB Mechanik hieß, blieb sie im Volksmund die Holzschuhbude (Fabrik). Die Feindseligkeiten der Umgebung und ein eigenbrötlerisches Traditionsdenken führten wohl zur selbstaufgelegten Isolation und sträubten sich gegen jede Veränderung.
Selbst Regierungen gegenüber versuchten sie sich ihre Selbstständigkeit zu bewahren. Nur widerwillig wurden so manche amtlichen Anordnungen der jeweiligen Regierung akzeptiert und umgesetzt. Doch inzwischen waren die 60er Jahren angebrochen und ein neuer Zeitgeist reifte heran. Ein gesellschaftliches Umdenken war zwingend nötig und die bisherigen uralten Werte mussten reformiert werden, um kein weltfremdes Dorf zu sein. Doch die Alten hatten noch das Sagen und bremsten mit ihren Ansichten ein modernes Denken aus. 
Als Kind merkte ich nichts von alledem. Ich fühlte mich wohl behütet und begriff noch nicht, wie sehr das Dorf hinter dem Mond lebte. Doch eines Tages lernte ich Sabine Kafka kennen. Da meine Mutter nicht berufstätig war, brauchte ich nicht in den Kindergarten. Ab und zu schlenderte ich vor dem Haus hin und her. Eines Tages sah ich sie spielen, auf der Wiese gegenüber, am Feuerwehrhaus. Ich fragte sie, ob ich mitspielen kann.
„Ja, ich brauche noch Blumenkohl für die Kinder“, sie zeigte dabei auf eine Unkrautart, die dem Blumenkohl ähnlich sah. „Weißt du, die Kinder lieben Blumenkohl!“ Im Gras lagen zwei Puppen und ich ging sofort los und pflückte den vermeintlichen Kohl. Mir gefiel ihre Spielwelt und tat so, als ob ich mir, von der schweren Arbeit, den Schweiß von der Stirn wischen würde. Sie boxte mich leicht, mit einem schelmischen Lächeln verbunden und von da an begann eine unzertrennliche Freundschaft.
Wir nutzten jede freie Minute und das ganze Dorf war unsere Spielwiese, besonders die Badestelle am See. Übrigens, musste damals keiner um uns Angst haben, denn es gab kaum Verkehr auf den Straßen. Und da jeder jeden kannte, konnte sich kein böser Mensch in den Ort einschleichen. Das gefährlichste für uns waren freilaufende Hunde, aber es war auch immer irgendein Erwachsener in Sichtweite, der uns schnell geholfen hätte. Naiv entwickelten wir große Pläne und schworen, dass wir uns später heiraten würden.
Ich glaube wir kannten uns noch nicht Mal ein Jahr und dann kamen die Sommerferien. Sie fuhr in den Ferien zu ihren Großeltern (irgendwo) und ich war im Juli 1963 bei meinen Cousin Uwe. Meine Tante Ilse hielt es für eine gute Idee, dass ich bei ihnen die Ferien verbrachte. Die sechsköpfige Familie wohnte inzwischen in einem großen Haus, am Waldesrand. Uwe und ich hatten uns bei meinen Opa angefreundet gehabt und tatsächlich vertiefte sich die Freundschaft. Ich fühlte mich dort sehr wohl, zumal ich auch Uwes Schwester Margit mochte. Dennoch musste ich immer an Sabine denken.
Als ich nach 14 Tagen zurückkehrte, lief ich sofort zum Haus in dem Sabine wohnte. Doch vor deren Tür, hatte ich so ein seltsames Gefühl. Es war alles verschlossen. Scheinbar waren sie noch im Urlaub, dachte ich. Warum aber hingen nicht mehr die bunten Gardinen vor den Fenstern? Und die Blumenkästen waren auch verschwunden.
Ich fragte meine Mutter, aber sie druckste nur umher.
„Ja, weist du …ich weiß nicht? … wie war es bei Tante Ilse?“, lenkte sie mich ab. In knappen Worten erzählte ich ihr, wie schön es dort war. Ich wollte aber wissen, was sie über Sabine wusste. Da sich meine Mutter so merkwürdig verhielt, spürte ich, dass sie etwas wusste und ich fragte nach, bis sie ärgerlich abwerte: „Sabine! Sabine! Sabine! Geh spielen und lass mich mit deiner Sabine zufrieden! Was weiß ich, was mit Sabine ist?“
Es hatte weiter keinen Sinn, mit meiner Mutter sprechen zu wollen. Also ging nach draußen zu meinem Sandkasten, aber ich hatte keine Lust etwas zu bauen. Schließlich entdeckte mich Opa Lucht und kam auf mich zu. Im Gegensatz zu seinem Sohn hatte er mich in sein Herz geschlossen. Ihm störte auch nicht, dass ich auf dem Hof in der verbotenen Zone umherkurvte. Er redete oft mit mir und tauchte sogar in meine Spielwelt ein. Selbst Sabine erlaubte er hier zu sein. Er war ein richtiger Opa, wie der in Joachimsthal, der immer ein offenes Ohr hatte und mir auch mit Rat und Tat zur Seite stand.
„Na, was ist los, Jungchen. Irgendwie bist du nicht wie sonst!“, sprach er mich an.
„Weiß du, ich dachte Sabine ist wieder da. Die Ferien sind doch fast vorbei.“
Das Lächeln von Herr Lucht verzog sich seltsam zu einer ernsten Miene.
„Hat denn dir keiner was gesagt?“, vergewisserte er sich. Ich schüttelte verdutzt den Kopf.
Er legte mir trösten die Hand auf die Schulter, „Du, die Kafkas sind fortgezogen.“
Ich erstarrte augenblicklich und mein kleines Herz begann laut zu schlagen. Sicherlich hatte ich mich verhört, versuchte ich mich zu beruhigen. Sie kann doch nicht einfach …!
„Nein“, schrie ich verzweifelt und rannte erst mal ziellos umher. Schließlich kehrte ich weinend zu Opa Lucht zurück. Wortlos nahm er mich tröstend in die Arme. In mir brodelten tausend Fragen. „Warum?“, fragte ich immer wieder. Weshalb hat mir keiner etwas gesagt? Sabine wusste garantiert auch nichts, sonst hätte sie es mir gesagt. Warum konnten wir nicht wenigsten voneinander Abschied nehmen?
Wutentbrannt rannte ich zu meiner Mutter und schrie sie sofort an „du Lügnerin!“ Meine Mutter wusste was ich meinte und sah mich zunächst reuevoll an und suchte gleich-zeitig nach passende Worte. Ich tobte derweilen weiter, bis ich nur noch weinen konnte.
„Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte“, begann meine Mutter. „Ich weiß ja, wie sehr du Sabine magst. - Vielleicht ist es auch besser so. Weißt du, man erzählt sich so allerhand. Die Kafkas wären hier nie glücklich geworden und Sabine letztendlich auch nicht.“ 
Ich hörte ihr zu und verstand aber nichts. Genaueres wollte sie nicht sagen. Als ich mich etwas beruhigt hatte, nahm auch sie mich tröstend in die Arme, „es tut mir so leid.“
Nach einer Weile meinte sie, „weißt du, Zeit heilt alle Wunden.“ Daraufhin löste ich mich von ihr, rannte in mein Zimmer und warf mich auf mein Bett und wollte in Ruhe gelassen werden. Tausende Fragen zermarterten mein Gehirn, nach dem warum und wieso.
Die Kafkas waren eine zugezogene Familie, die sich aber nicht an die Regeln im Dorf hielten und versuchten ein moderneres Leben zu führen. Er hörte gern Rock’n’roll Musik und die Röcke von Sabines Mutter waren dem Dorf viel zu kurz. Am Wochenende kamen häufig Freunde zu Besuch und feierten auf dem Hof ihres Vermieters eine ausgelassene Party.
Der Gegenwind im Dorf war dementsprechend und sie wurden als „Geschwür“ angesehen, dass entfernt werden musste. Sabines Vater wurde als leitender Melker im Kuhstall der LPG eingesetzt und dass gefiel den einheimischen Angestellten überhaupt nicht. Eines Tages beschuldigte man ihn, dass er in korrupte Geschäfte verwickelt sein sollte. Die eingesetzten Ermittler hatten große Zweifel an der Schuldzuweisung und informierten die entsprechende Behörde darüber. Ihnen war klar, dass die Angestellten im Kuhstall Herr Kafka als Leiter loswerden wollten. Die Behörden boten Sabines Vater deshalb eine sofortige Versetzung an, um eine unsinnige Verhandlung zu vermeiden. Herr Kafka brauchte nicht lange überlegen und nahm das Angebot an, denn er war verbittert über die bösartigen Anfeindungen im Dorf. 
Ich denke er hat Friedrichswalde sogar hassen gelernt und wollte nur noch weg von hier. Vielleicht war ihm deshalb auch die Freundschaft zwischen Sabine und mir egal. Anscheinend haben Sabines Eltern auch gar nicht begriffen, wie sehr wir uns mochten. Ich war nur zweimal bei ihnen zu Gast und eigentlich habe ich lediglich mit Sabines Mutter ein paar Worte gewechselt. Deswegen ahnten die Eltern wohl nicht, wie lieb Sabine und ich  uns hatten. In kürzester Zeit, packten sie ihre Sachen und versuchten ihr Glück an einem anderen Ort. Sie ließen uns keine Chance für ein Lebewohl oder wenigstens einem Adressenaustausch.
Ob Sabine auch so geweint hat, wie ich? Wir wollten doch unzertrennlich sein…
Ich habe nie wieder etwas von ihr gehört, denn keiner wusste wo sie hingezogen sind und ich war zu klein um selbst nachzuforschen.

 

Infoblock:

1. Schlesien: Nach dem 2. Weltkrieg wurde auf der Potsdamer Konferenz, die Gebietsaufteilung zwischen den Alliierten beschlossen. Unter anderem, setzte der sowjetische Staatschef Stalin durch, dass die deutschen Ostgebiete Schlesien, Pommern und Ostpreußen (ein Teil wurde russisch) künftig zu Polen gehörten. Dafür wurden polnische Ostgebiete im heutigen Weißrussland und der Ukraine in das sowjetische Staatsgebiet einverleibt. Und zur neuen Ostgrenze Deutschlands wurden die Flüsse Oder und Neiße festgeschrieben. Laut der Potsdamer Beschlüsse vom 02. 08. 1945, war Polen berechtigt, bis 1947, alle Deutschen auszuweisen. Neben den Millionen, die schon zuvor geflüchtet waren, wurden 5 Millionen Deutsche aus Polen ausgewiesen, aber etwa 2 Millionen Deutsche durften im Land bleiben, da deren Fachkompetenz gebraucht wurde.

2. Zigeuner: Vermutlich wurde der Begriff um 1422 geprägt, abgeleitet vom Wort „Cigäwner“ (umherziehende Gaukler = Ziehgaukler) und meint staatenlose Gauklertruppen, deren Ursprung vermutlich Indien war. Neben Artistik, Zauberei und Possenspiele, praktizierten sie die Wahrsagerei, weswegen ihnen auch Hexerei nachgesagt wurde. Um zu überleben, bedienten sie sich in ihrem Umfeld (Waldtiere, Felder, Hühner), vor allem, wenn ihnen die Zuschauer nur wenig Geld gaben. Wegen der Selbstbedienung wurden sie oft des Diebstahls bezichtigt.
Zigeuner wurde zu einem Schimpfwort für diebische Personen in Lumpenkleidung, denen man unterstellte mit dem Teufel im Bunde zu sein. Sie waren besonders stark verbreitet im osteuropäischen Raum (Polen, Ungarn, Rumänien). Nicht nur in Deutschland wurden sie Opfer zahlreicher Übergriffe, aber in der deutschen NS-Zeit wurden sie systematisch verfolgt und im KZ ermordet. 
Wegen der negativen Assoziation werden Zigeuner heute Sinti und Roma genannt. Sinti bezeichnen dabei den Sprachbezug zum indischen Volk der Sindhi. Roma steht für ein ursprüngliches Siedlungsgebiet in Norditalien. Vermutlich wandert eine erste indische Volkgruppe um etwa 600 nach Europa. 

3. Holzschuhfabrik: Bis in die 1950-iger Jahre wurden in der großen Manufakturhalle, dicht am Bahnhof Friedrichswalde, Holzschuhe hergestellt. Beliebt waren Holzschuhe aus einem Stück, passfertig für die Fußgrößen ausgefräst. Später waren Holzschlappen mit Lederschlupf beliebt. Da der Absatz in der DDR nicht mehr gegeben war, wurde daraus eine Fabrikhalle und stellte Metallteile her, als Zulieferwerk. Im Volksmund blieb die VEB Mechanik immer die Holzschuhfabrik. Übrigens, befand sich auf dem Betriebsgelände, bis Mitte der 70er Jahre, die einzige Orts-Sportanlage (vom Schulsport genutzt).

4. Lebenshaltung in der DDR (Beispiele aus den 70er Jahren):

Löhne/ Netto:  700,- bis 800,- Mark / Kindergärtnerin netto 550,- Mark
Miete / Monat:  58-m²-Neubauwohnung = 70,00 M / 55-m² Altbauwohnung = 28,- Mark
Personenverkehr: Fahrscheine (2. Kl.) pro km = 0,08 M / S- und U-Bahn = 0,20 M

Rund ums Fahrzeug: Liter Benzin  (VK 88, „Normal“) = 1,50 M
                    Mifa Klapprad = 301,00 M / Moped S 50 = 1150 M
                     Auto „Trabant“ = 10.000 M  / Auto „Wartburg 353w“ = 25.000 M

Sonstiges:  Rundfunkgebühren = 10 M /  Kino-Eintrittskarte = 1 bis 2 Mark
                   Verpflegungsgeld im Kindergarten pro Tag = 0,35 M
                   Schulessen = 0,55 M / Studentenmensa = 0,60 M  (alle Angaben pro Tag)
                   Übernachtung mit Frühstück in einem normalen Hotel = 8,00 M
                   „Camping“-Gitarre = 40,00 M / Scheffler’s Metallbaukasten „Grundkasten Nr. 2“  = 23,40 M

Gaststättenpreise: Schweinesteak "Berliner Art" = 3,20 Mark
                   1/4 Ente gebraten mit Rotkohl und Kartoffeln = 3,90 Mark
                   Schweinesteak mit Letscho und Kartoffeln = 3,55 Mark
Am Imbiss:  Kugel Eis (Vanille) = 0,10 M  / Kugel Eis (Schoko) = 0,20 M
                     Bier (0,25 l) = 0,40 M    / Bockwurst mit Brötchen = 0,85 M
Backwaren: Brötchen oder Schrippe = 0,05 M / Brot = 0,70 M

Lebensmittel:  Landleberwurst (100 g) = 0,62 M / 5-kg-Beutel Kartoffeln = 0,85 M /
                      Weizenmehl 1000 g = 1,00 M / Tomaten-Ketchup (215 Gramm) = 1,15 M
                      Tafelbutter (250 g) = 2,40 M / "Mocca-Fix" - Kaffee (125 g) = 8,75 M
Getränke:     Mineralwasser 0,33 l (+ Pfand 0,30 M) = 0,12 M; Brause 0,33 l = 0,20 M
                      Kakaomilch 0,25 Liter = 0,35 M / Club-Cola (0,33 l) = 0,42 M
                      Bier Hell (0,33 l) = 0,48 M   / Bier 0,33 l Pils = 0.61 M / 1 l Vollmilch = 0,68 M
                      „Goldbrand“ (32%) = 14,50 M  /  Nordhäuser Doppelkorn (38%) =17,60 M
Süßwaren:   Schlager-Süßtafel = 0,80 M / Schokoladentafel Bambina = 2,00 M

Reinigungsmittel: ATA fein, 300g = 0,15 M / Spee Vollwaschmittel 230 g = 1,20 M
                       Fit Spülmittel  = 1,75 M  / NOVUM Universalreiniger 150 g = 1,25 M
Haushalt:    Kilowattstunde Elektroenergie = 0,08 M / Telefon-Ortsgespräch = 0,15 M/min
                     Telefonzelle = 0,20 M/min  / Schulheft A5-Format = 0,10 M
                     4,5-V-Flachbatterie 3R12 = 0,85 M / Schulmalfarben 6 Töpfchen 5,00 M
                     Haushaltkühlschrank „H 130“ = 1.100 M
Presseerzeugnisse:  Tageszeitung = 0,10 M  / Neues Deutschland- Zeitung = 0,15 M
                    Kinderzeitschrift "Bummi" = 0,25 M / Satiremagazin „Eulenspiegel“ = 0,40 M
                    Fernsehzeitschrift "FF Dabei" = 0,50 M / Comic "Mosaik" = 0,60 M
                    Zeitschrift „Das Magazin“ = 1,00 M / Illustrierte NBI = 1,50 M
Zigaretten:  filterlose Zigaretten (Karo, Real) =1,60 M Schachtel (20 Zigaretten)
                    Filterzigaretten (F6, Semper oder Cabinet) = 3,20 M
                    Schachtel "Club" = 4,00 M / Schachtel "Duett" oder „Juno“ = 6,00 M
Tonträger:  Popmusik Single = 4,60 M  / klassischer Musik (Eterna) = 12,10 M
                    LP mit Popmusik = 16,10 M / Kaufkassette mit Popmusik = 23,60 M
                    Fe3O4-Kassette (60 min) = 20,00 M
Detaillierte Preisliste: https://de.scribd.com/doc/86067636/Lebensmittelpreise-in-der-DDR

5. Hucker: Der Begriff bezeichnet Hilfsarbeiter für das Baugewerbe, sie schafften Baustoffe heran, beseitigten Schutt oder räumten auf, sodass sich die eigentliche Fachkraft ausschließlich seiner beruflichen Fertigkeit widmen konnte.

6. PGH = Produktionsgenossenschaft des Handwerks: Galt als halbstaatliches Unternehmen, da Privatunternehmen über 3 Mitarbeiter in der DDR nicht zulässig waren. Die PGH war verpflichtet, sich an die arbeitsrechtlichen Bestimmungen der DDR zu halten.

7. SR2: Beliebtes Moped von 1957 von der Firma Simson aus Suhl, robust und pflegeleicht (siehe bei Google Bilder).

8. MTS = Maschinen-Traktoren-Station: War eine zentrale Reparatur und Ausleihstation von landwirtschaftlichen Geräten und war später nur der LPG vorbehalten (saisonbedingte Maschinen).

9. Matchbox-Autos: Die britische Firma Lesney Products stellte 1953 detailgerechte Spielzeugautos in Miniformat her. Da die Größe einer Streichholzschachtel (Matchbox) entsprach, leitete sich der Name ab und waren weltweit sehr beliebt.  

10. LPG = Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft: War der Zusammenschluss von Bauern für eine effektivere Landwirtschaft. Trotz anfänglicher Wiederstände bewährte sich das Modell (Urlaub, Lohnsicherheit, kein Risiko bei Missernten u.s.w.).

11. Schwitzkasten = Unterarmwürgegriff aus dem Ketschen (Ringen), dem Vorläufer des heutigen Wrestling. Diese verbreitet Form, hat zum Ziel seinen Gegner kampfunfähig zu machen, stellt aber ein hohes Risiko für eine Halswirbelverletzung dar.

12. Unsere Heimat = Kinderlied der Pionierorganisation, dass 1951 entstand, deren Text von Herbert Keller und die Musik von Hans Naumilkat stammt. // Pioniere = Kinderorganisation der DDR: wurde 1948 gegründet und sollte die Kinder zu Ehren von Ernst Thälmann im sozialistischen Sinne leiten. Thälmann Pioniere trugen ein blaues Halstuch und ein weißes Hemd, alternativ konnte man Lenin (Sowjet-) Pionier sein und ein rotes Halstuch tragen. Für Pioniere gab es in der Schule spezielle kulturelle Angebote, von denen Nichtpioniere ausgegrenzt wurden.

13. Schorfheide  = ein naturbelassenes Waldgebiet nördlich von Eberswalde und ist heute zum Biosphärenreservat ernannt worden; inmitten des Gebietes liegt Joachimsthal, die größte Stadt in diesem Gebiet und der touristisch bekannte Werbellinsee. Durch seine Campingplätze „Süßer Winkel“ und „Spring“, sowie der ehemaligen Pionierrepublik ist der See im Osten sehr bekannt. Nördlich vom Werbellinsee befindet sich zudem das bekannte staatliche Jagdrevier, mit dem Jagdhaus Hubertusstock, wo oft politische Prominenz zu Gast war. Seit der Kaiserzeit von Wilhelm II. bis zur Wendezeit wurde das nicht öffentliche Gebiet streng kontrolliert. Der Bahnhof Werbellinsee, Kaiser-Bahnhof genannt besticht durch seinen Fachwerkbau und war zugleich Ankunftsort für namhaften Gäste des Jagdhauses.